Diglossie

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Di·glos·sie

 <Diglossie, Diglossien> die Diglossie SUBST sprachwiss.: das Vorkommen von zwei Varietäten in einem Land Mehrsprachigkeit Standardsprache Varietät Die Diglossie ist eine Form der Mehrsprachigkeit (vgl. das Stichwort) innerhalb ein und derselben Sprache einer Sprachgemeinschaft, also nicht zwischen eigenständigen Sprachen. Man versteht darunter insbesondere das Nebeneinander von (mehreren) Mundarten/Dialekten (vgl. das Stichwort dazu) auf der einen, der zugehörigen Standardsprache auf der anderen Seite. Soweit der Ausdruck Diglossie nicht auch auf anderes bezogen wird, ist bei Vorliegen einer Diglossie eine klare funktionelle Verteilung der heute als Varietäten bezeichneten sprachlichen Ausprägungen (vgl. das Stichwort dazu) ohne graduelle Übergänge gegeben: Die jeweilige Standardsprache (vgl. das Stichwort) wird in ganz bestimmten anderen Situationen verwendet als die jeweiligen Mundarten bzw. Dialektvarianten. Ein prototypisches Beispiel dafür ist die Deutschschweiz (die deutschsprachige Schweiz): Hier sind Lebens- bzw. Themenbereiche (Domänen) des Sprachgebrauchs klar voneinander getrennt: Die Sprecher(innen) wechseln je nach Situation zwischen den lokalen Dialekten und der deutschschweizerischen Standardsprache: Geschrieben wird Standarddeutsch (geschriebenes Schweizerhochdeutsch); die deutschschweizerischen lokalen Dialekte/Mundarten, oft bezeichnet als Schweizerdeutsch oder als Schwyzerdütsch, hingegen werden meist im mündlichen sprachlichen Umgang verwendet. Die markant spezifischen Ausdrücke in der schweizerischen Standardsprache sind die so bezeichneten Helvetismen (vgl. das Stichwort dazu). Aber es gibt auch dialektales Schreiben nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in emotional besetzten öffentlichen Bereichen (der Presse, der Werbung usw.); gleichwohl lässt sich insgesamt der Gebrauch der Mundarten als normale mündliche Sprachform in informellen Situationen ansehen. Eine Diglossie-Situation dieser Art wird gewöhnlich als mediale Diglossie bezeichnet, weil eine Abhängigkeit vom Ausdrucksmedium und damit von der Wahl der einen oder anderen Varietät gegeben ist. Abgesehen von Schwierigkeiten der Einschätzung von Sprachverhältnissen in Liechtenstein und Luxemburg sind ganz andere Bedingungen in Deutschland und Österreich gegeben, wo sich zwischen Mundarten/Dialekten und Standardsprache eine Umgangssprache entwickelt hat (vgl. die Stichwörter dazu). Ursprünglich wurde mit der Bezeichnung Diglossie verbunden, dass bei Vorliegen einer Diglossie-Situation die eine Varietät als hoch, die andere als niedrig eingeschätzt werde. Offenbar gilt das heute auch im Hinblick auf die Deutschschweiz nicht mehr uneingeschränkt: Es ist vielmehr eine Ausweitung der Mundarten in Bereiche feststellbar, die vorher allein der Standardsprache/Hochsprache vorbehalten waren. Dies hängt unter anderem zusammen mit der allgemeinen Tendenz zur Aufwertung des Gebrauchs von Dialekten (vgl. das Stichwort dazu).