Erbwort

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Ẹrb·wort

 <Erbworts (Erbwortes), Erbwörter> das Erbwort SUBST sprachwiss.: sprachliche Einheit, für die der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass sie aus einer anderen Sprache stammt Ein Erbwort ist eine lexikalische Einheit, für welche die Herkunft aus einer anderen Sprache nicht nachweisbar ist. Gemeinhin wird der Wortschatz des Deutschen nach dem Kriterium der Herkunft in den Erbwortschatz einerseits, den Lehn- und Fremdwortschatz (vgl. dazu die Stichwörter) andererseits eingeteilt. Als "ererbt" gilt eine lexikalische Einheit, wenn sie anhand von Belegen bis in die älteste rekonstruierbare Sprachstufe zurückverfolgt werden kann. Wann einer Einheit die Bezeichnung Erbwort zukommt, kann nur im Hinblick auf den jeweiligen Untersuchungszeitraum beurteilt werden. Für das Deutsche beinhaltet eine solche Untersuchung die etymologische Rückführung auf die historischen Sprachstufen und gegebenenfalls auf das Westgermanische, sodann auf das Urgermanische und ggf. in Form einer Hypothese (mit einem Sternchen für erschlossene Formen versehen) auch auf das Indogermanische. Für das echte Erbwort Vater z. B. kann eine Geschichte von mehr als vier Jahrtausenden nachgewiesen werden; die erschlossene Urform ist *pətēr; vgl. auch Mutter und ahd. muoter, germanisch moder, sowie indoeuropäisch *mātér. In etlichen Fällen ist ein positiver Nachweis schwer zu führen, z. B. bei starker Assimilation älterer Lehnwörter bzw. ihrer Entlehnung in sehr früher Zeit; deshalb wird gewöhnlich sozusagen pragmatisch vorgegangen und definitorisch festgesetzt, dass zu den Erbwörtern alle Einheiten zählen, für die eine fremde Herkunft nicht nachgewiesen werden kann. Neuere sprachwissenschaftliche Darstellungen berücksichtigen den Aspekt des Erbwortes nicht oder nur oberflächlich. Gelegentlich finden sich Bezugnahmen darauf im Rahmen der Behandlung sprachhistorischer Sonderaspekte, unter anderem zur Fachsprache. So ergeben z. B. Untersuchungen zum "Sachsenspiegel" (aus den Jahren 1224 bzw.1225), dass in ihm zum Grundbestand Erbwörter wie ban ("Bann"), ding ("Ding"), erbe ("Erbe"), vride ("Friede") und sache ("Sache") gehören, die bereits mit ihrer Rechtsbedeutung in die Zeit vor dem Althochdeutschen zurückführen. Einen wesentlichen geschichtlichen Hintergrund zur Einschätzung der Rolle des Erbwortschatzes geben ab: die Stammwortauffassung der Barockzeit und die Fremdwortauffassung seit der Aufklärung. Mit der "Fruchtbringenden Gesellschaft" (1617 gegründete literarische Gruppe der Barockzeit) sind wesentlich Auffassungen zur Ursprünglichkeit der Stammwörter im Deutschen verbunden; das Konzept der Gesellschaft beinhaltete die Aufforderung zur Zurückdrängung fremdsprachlicher Einflüsse, womit gleichzeitig sprachpflegerische Aktivitäten im Hinblick auf den Erbwortschatz begründet worden sind. Diese Tradition setzte sich in verschiedenen sprachpuristischen Bestrebungen bis ins 20. Jahrhundert fort; dabei können puristische (auf die sprachliche "Reinheit" bedachte) stets umgekehrt als erbwortfreundliche Bestrebungen erfasst werden.